Die neue Altstadt – Frankfurter Geschichten für die Bürgerstiftung

 

am 25. Oktober 2018

von Hauke Gerlof

Warum in die Ferne schweifen, das Gute liegt so nah! Frei nach dem Ur-Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe ging die Diakonische Bürgerstiftung Niederrad der evangelischen Paul-Gerhardt-Gemeinde in diesem Herbst nicht auf Reisen, sondern nur „hibbdebach“, also ans nördliche Mainufer. Die gerade eröffnete „neue Altstadt“ ist ein echter Besucher-Magnet, wie sich in der Vorplanung des Ausflugs Ende Oktober zeigte: Mehr als 70 Anmeldungen für den Ausflug gingen im Sommer binnen kürzester Zeit ein.
Und so teilten sich die Niederräder am Brunnen der Justizia gleich in drei Gruppen auf, die von den drei StadtführerInnen Nora Bettag, Hannes Pflügner und Frank Seibold kundig durch die Straßen der neuen Altstadt geführt wurden. 35 Häuser seien dort auf insgesamt 7700 Quadratmetern Fläche neu errichtet worden, 15 davon als Rekonstruktionen, 20 als echte Neubauten, berichtete Nora Bettag in ihrer Gruppe.
Von ihren Zuhörerinnen konnte sich durchaus die eine oder der andere an die Vorgeschichte des Areals erinnern, dass am 18. und 22. März 1944 so furchtbar zerstört worden war. Lange Zeit war dort nach dem Krieg nichts passiert, vielmehr war dort ein großer Parkplatz entstanden. Dann kam Ende der 1960er-Jahre das technische Rathaus, das später wegen Asbestbelastung abgerissen werden musste – es entstand die neue Altstadt, mit Geschäften und Restaurationsbetrieben, die jetzt nach und nach öffnen, und mit 60 bis 80 Wohnungen, wie Nora Bettag berichtete.

Deren Eigentümer sind übrigens alle in einer einzigen Wohnungseigentümergemeinschaft „vereint“ – so wie ja auch alle Häuser des „Dom-Römer-Projekts“ gleichzeitig entstanden sind, wenn auch von unterschiedlichen Architekten gebaut.
Stichtag, erinnerte Bettag, sei der 21. März 1944 gewesen – also vor dem letzten Bombenangriff: So wie damals die Straßen lagen und die Gebäude zugeschnitten waren, so wurde schließlich neu errichtet.

Manches von dem, was die Stadtführer erzählten, war den Besuchern aus dem nahen Niederrad durchaus aus der Zeitung oder aus dem Fernsehen präsent.

Doch so viele Geschichten rund um die neue Altstadt gibt es zu erzählen – über Bauvorschriften ebenso wie über den uralten Krönungsweg, über die viel kritisierte Pergola an der Südseite vom „Markt“ und über eingebaute „Spolien“, Bau-Fragmente und –Kunstwerke, die in die neuen Gebäude eingebaut worden sind.

Lebendig wurde die Geschichte auch über frühere Bewohner, der Altstadt, zum Beispiel ehemals reiche, aber später verarmte Patrizier aus den fernen Niederlanden, die als Glaubensflüchtlinge vor den katholischen Spaniern Ende des 16. Jahrhunderts nach Frankfurt kamen und hier die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt entscheidend voranbrachten.

Und natürlich spielte auch der bereits genannte Ur-Frankfurter Goethe eine Rolle, der am alten Hühnermarkt im „Haus der Tante Melber“ in ganz jungen Jahren zeitweise gelebt hat, als das familieneigene Haus am Hirschgraben gerade renoviert wurde.

Am Hühnermarkt steht auch der Stoltze-Brunnen, der an den Frankfurter Mundartdichter und Kämpfer für die Pressefreiheit Friedrich Stoltze erinnert. Hier zeigte sich, dass die Niederräder, wenn auch erst spät eingemeindet, doch gute Frankfurter geworden sind: Selbst die dritte Strophe des Gedichts „Frankfurt“, die über die Offenbacher, konnte eine der Zuhörerinnen fehlerfrei rezitieren.

Nach 90 Minuten Stadtführung, voll gepackt mit Informationen über das alte und das neue Frankfurt, klang der Ausflug der Bürgerstiftung mit einem gemütlich-zünftigen Mittagessen am Dom aus.

„Das Neue stürzt, und altes Leben blüht aus den Ruinen“ – der Sinnspruch am Glauburger Hof in der Braubachstraße, frei nach Schiller, mag in manchem der Teilnehmer noch nachgeklungen haben. Quicklebendig kamen jedenfalls alle zurück nach Niederrad.

Fotos: Thomas Dörken-Kucharz